Reisebericht expedition besarabia
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Zwischen Prut und Dnjestr, nennen wir unsere Reisen in den Westen
und Süden der Ukraine. Sie führen uns durch
spannende Landschaften in Polen, der Ukraine und Moldavien; bringen
uns
zu netten Menschen und waren in all den Jahren voll spannender
Abenteuer. Die Idee zur “expedition besarabia″ gab
uns der Fluss
Dnjestr.
Von seiner Quelle am Rande der Ukrainischen Karpaten fliesst er über
1350km bis zu seiner Mündung, unweit von
Odessa, ins Schwarze Meer. Unser ausführlicher Reisebericht entstand im
Jahre 2009. Kursiv hinzugefügt sind Anmerkungen und Bilder aus späteren
Reisen.
Ab durch die Mitte
Wo liegt sie eigentlich die Mitte Europas? Für den einen ist es Brüssel, dem anderen scheint sie in Straßburg zu liegen, wieder andere sehen sie in Moskau, in Warschau oder Berlin. Gestoßen wurden wir auf diese Frage in der Stadt Czervitski oder hiess sie Czernowicz? Einer Stadt an der ukrainisch-rumänischen Grenze, die sich selbst als den Mittelpunkt Europas darstellt. Eines alten Europas aus Zeiten als die Vorhänge noch nicht aus Eisen geschmiedet waren. Aber das war bereits auf unserem Rückweg von einer Reise durch Mitteleuropa.
Kehren wir zunächst einmal an den Anfang zurück, den Anfang einer Expedition in ein unbekanntes Europa und an den Anfang des Dnjestr. Ein Fluss, dessen Geschichte so alt ist wie die des Rheins, nur das man sie uns Westeuropäern ganz einfach nie erzählt hat. Heute Grenzfluss zwischen der Republik Moldova und der Ukraine, war er in seiner Geschichte Siedlungsraum der alten Griechen und Römer, Grenze zwischen dem Osmanischem Reich und der polnisch-litauischen Krone, oder einfach eine der vielen natürlichen Barrieren, die von Tataren und mongolischen Horden überrannt worden sind.
Wir trafen uns also im äußersten Südosten Polens, unweit der ukrainischen Grenze und schon tauchte das erste Problem auf. Wer mit seinem Auto in die Ukraine reisen will, der braucht eine „Grüne Versicherungskarte“ und die muss auch noch gültig sein. Mit etwas gutem Willen aller Seiten ließ sich auch dieses Problem beheben. Wir durften alle einreisen. Es war später Nachmittag geworden und so hiess es für uns, nach etwa 30 Kilometern Landstrasse erst einmal einen Biwakplatz für die Nacht zu suchen. Kaum hatten wir angehalten, als auch schon ein ukrainischer Grenzschützer in seinem Privatauto anhielt und uns den Tipp gab, noch zwei Kilometer weiter zu fahren, da fände sich eine nette, ebene Wiese.
Nun die erste Nacht sollte also neben der Strasse sein, aber das heißt am nördlichen Rand der Karpaten nicht allzu viel. Überhaupt scheint das Wort Strasse hier ein äußerst dehnbarer Begriff zu sein und ist wohl eher von Kartografen, als von Straßenbauern geschaffen. Trotzdem kamen wir uns, angesichts der ukrainischen Fahrzeuge denen wir in den nächsten Tagen begegneten, mit unseren Geländewagen oftmals vor, wie eine Herde von Dinosauriern beim Seifenkistenrennen.
Tag Zwei unserer Expedition entlang des Dnjestrs sollte uns zu
seiner Quelle führen. Leichter gesagt als getan, denn wo
ist sie eigentlich, die Quelle? In der Nähe der kleinen Stadt Turku,
etwa auf
gleicher Höhe mit dem polnischen Sanok, mitten im Wald der nördlichen
Vorkarpaten. Aber das wissen wir erst seitdem. Aus diesem Wald kommen
mindestens 5 Bäche und welcher nun der Dnjestr sein soll, darüber
informiert eine kleine, kaum noch erkennbare und schon gar nicht
leserliche Blechtafel mit kyrillischen Buchstaben.
Dnjestr - Quelle Seit unserer ersten Reise 2009 hat sich die Dnjestr Quelle sehr verändert. Heute ist ein Wanderweg zur Quelle ausgeschildert. Das kleine Quellhäuschen ist neu entstanden. Entlang des gesamten Flusslaufes stehen Informationstafeln.
Dorthin brachten uns Wege, die schon an die Karpaten
erinnern. Ausgefahrene Spurrillen von ungeahnter Tiefe, steinige Furten
und
staubige Dorfstrassen führten uns schließlich zu einigen Pferde- und
Kuhhirten, die wir nach der Quelle fragten. Gefragt, getan, einer der
Hirten stieg
kurzerhand bei uns ein und führte uns sicher die letzten drei Kilometer
zu dem kleinen, grünen Quellhäuschen. Auch dass wir unser Lager auf
ihrer Almwiese aufschlagen wollten, stieß nicht auf Verwunderung,
schließlich war der Blick zurück auf die polnischen Bieszczady mehr als
berauschend. Da wussten wir noch nicht, dass die ukrainischen Cowboys
und -girls, auch in uns eine willkommene Abwechslung sahen. Sie müssen
von diesen verrückten Autos dort oben auf der Alm erzählt haben,
als sie abends wieder in ihr Dorf kamen, denn noch vor Sonnenuntergang
kam eine Gruppe junger Cowboys im vollen Galopp auf unsere kleine
Wagenburg zugeritten, sprang ab, band die Pferde zusammen und kam auf
uns
zu. Selbst unser Wachhund hatte sich sicherheitshalber zurückgezogen,
bei soviel John Wayne Flair. Doch statt eines Colts wurden Hände
gereicht und ein allseitiges Hallo setzte ein. 
Albert griff in die
schier unerschöpfliche Kühlbox seines Defenders und so bewirteten wir
unsere Gäste mit Radebrechen und ein paar Dosen Bier. Sie erzählten wie
ein Buch in einer bunten Mischung aus ukrainischen und russischen
Sprachfetzen, durchsetzt mit einigen Brocken Polnisch und sogar
Englisch oder Deutsch, wir versuchten es mit Englisch, Deutsch und
unseren sehr unterschiedlichen Talenten in slawischen Sprachen.
Doch schon bald
hatten wir unsere Welt wieder für uns alleine, den
Blick auf die Berge, das Lagerfeuer zu unseren Füssen und hinter uns
den Wald in dem vielleicht noch Wölfe und Bären leben könnten, wenn
Hier am
Rande der Karpaten befinden wir uns in einer der ärmsten Ecken dieses
riesigen Landes und auf unsere Frage, wovon die Menschen hier leben,
gibt es immer wieder die eine Antwort: Von dem Familienmitglied, das im
Ausland Geld verdient. Die riesigen Wälder in der Westukraine sind
zumeist Staatsforsten. Grün-weiße Pfosten und Namenschilder
der Reviere weisen darauf hin. Und ebenso finden
sich überall Informationstafeln auf denen Hirsche, Rehe und andere
Tiere abgebildet
sind. Fast noch häufiger sieht man auch Verbotstafeln, die da
heißen, nicht Schiessen, nicht Angeln, kein Holzeinschlagen. Umso
banaler klingt die Antwort auf unsere Frage,
warum wir keine Wildtiere sehen. Sie lautet ganz einfach, die sind
schon gegessen. Das bestätigen auch die Biologen, die die immer
kleiner werdenden wildlebenden Wisentherden betreuen.
Kulturen am Fluss
Während der Dnjestr von seiner Quelle in einem weiten Bogen nach
Norden und Nordosten fließt, bevor er sich dann endlich für seine
Hauptrichtung Südost entscheidet, kürzen wir in den nächsten Tagen
diesen Bogen ein wenig ab. Das bringt uns durch die ukrainische
Öllandschaft, was nicht nur an den zahlreichen Förderpumpen, sondern
auch am Geruch über der Landschaft unschwer zu erkennen ist. Trotzdem
sind wir erstaunt, wie anders doch die Ukraine sein kann, als wir aus
den bergigen Gefilden hinaus in die Ebene mit ihren Städtchen kommen.
Das Land wird flacher, fast schon flach wie ein Brett und die Städtchen
werden reicher, was nicht nur an den ersten Supermärkten zu bemerken
ist. In Truskawiec, das vor dem II. Weltkrieg zu den grössten Kurorten
Polens gehörte, stehen zahlreiche vielgeschossige Hotelneubauten, die
zur Nutzung der Thermen und Solbäder einladen. Doch wir fahren weiter
und treffen wieder auf unseren Dnjestr, der hier, östlich der Mündung
des Stryj, schon zu einem richtigen Fluss geworden ist, den man nur
noch per Brücke oder Fähre queren kann. Wir schlagen unser Camp direkt
am Strand auf, nicht ohne noch eine gute Tat zu verbringen und ein
Motorradgespann mit Anhänger aus dem steinig, sandigen Untergrund zu
ziehen. Die Flusskiesel werden von den einheimischen hier
abtransportiert, um sie als Fundamentsteine mit Beton vermischt, zu
verbauen. Offen bleibt die Frage, ob der Anglerpfad am Fluss
irgendwohin führt, doch schon am nächsten Morgen erhalten wir die
Antwort. Nein, dort hinten fehlt die Brücke und es wird sehr sumpfig.
Mit Pferdewagen geht das, aber eure Maschinen sind zu breit. Ihr müsst
den Hang hochfahren und im nächsten Dorf am zweiten Haus fragen, die
zeigen euch, wie es weitergeht, diskutieren die beiden Angler unter
sich. Am zweiten Haus ist keine Menschenseele zu sehen, doch machten
unsere Motoren wohl soviel Lärm, dass schon bald ein Mann, nur in
Unterhosen bekleidet, zu uns eilt und fragt wie er helfen kann.
Für uns folgt eine der anspruchsvolleren Strecken dieser Reise, zuerst
über blühende Wiesen und ausgetrocknete Feldwege und schließlich noch
durch einen Wald. Anfangs sumpfig matschig und von Holzrückern
ausgefahren, wird der Weg immer enger, die Hainbuchen stehen fast zu
dicht, um ohne rangieren um die Kurve zu kommen und dann eine Kreuzung
mit unzähligen Möglichkeiten und alten Spuren. Wie fast immer, gab es
auch hier eine „Tourismusinformation“, die wir fragen konnten. Doch
weil der einsame Waldarbeiter mit seinem Pferdegespann nicht gut
redete, lief er einfach 500 Meter vor uns her, um uns den richtigen Weg
zu zeigen. Der verwandelte sich auch bald in ein Gestrüpp, in dem die
Äste so dicht beieinander hingen, dass man nicht mehr sah, wo es weiter
geht. Ich glaube vor Schreck hat auf diesen Wegen keiner mehr
fotografiert und alle waren froh, als gefühlte Stunden später wieder
ein Dorf vor uns auftauchte.
Entspannung fanden wir nur wenig später in Halitsch, einer kleinen,
geruhsamen Kreisstadt am Dnjestr und im unweit der Stadt gelegenen im
Aufbau befindlichen Freilichtmuseum. Übrigens sagt Wikipedia:Halytsch
(ukrainisch Галич; polnisch Halicz; deutsch Halitsch, jiddisch העליטש/
Heylitsch) ist eine Kleinstadt in der Westukraine.
Die Vielzahl der Namen für eine Stadt zeigt auch die Vielzahl der
Kulturen, die hier einstmals lebten oder noch leben. Und so ließen wir
es uns natürlich nicht entgehen, den alten karaimischen Friedhof vor
den Toren der Stadt zu besuchen. Auf diesem außerhalb der Krim
einzigartigen Friedhof stammt das älteste Grabmal aus dem 17.
Jahrhundert. Die Karäer sind eine turkstämmige und dem Judentum
verwandte Volksgruppe, die im 14. Jahrhundert von der Krim nach
Galizien eingewandert war. Auch ein Besuch der bereits von weitem
sichtbaren, aus weißem Kalkstein gebauten Skt. Pantaleon Kirche, deren
Anfänge aus dem 12. Jahrhundert stammen durfte nicht fehlen, zumal die
kleinen, in den weichen Stein geritzten „Graffitis“ vergangener
Jahrhunderte, schon einen Blick wert sind. Ach fast hätte ich es
vergessen, da war ja noch dieser andere Friedhof, den wir fanden, weil
er direkt an unserem Weg lag, als wir in ein Dorf einfuhren, das
übersetzt “Deutsche” hiess. Grabmäler, wie auch Häuser erzählten die
Geschichte eines deutschen Kolonistendorfes am Dnjestr. Blieb noch für
den Abend die tägliche Suche nach einem geeigneten Lagerplatz, die sich
aber, wie immer als leicht herausstellte.
Ukrainische Gastfreundschaft
Nun ändert sich die Landschaft wieder. Die Ebene weicht den Hügeln der
Podolischen Platte, einer etwa 400 Meter hohen, vor Jahrmillionen
entstandenen Kalkablagerung, die sich von den Karpaten bis zu den
Steppen des Südens hinzieht. Auch unser Fluss schneidet sich durch
dieses Land und bildet dabei einen eindrucksvollen Canon. Doch wir
weichen erst einmal ab vom Dnjestr und steuern ein Dorf an, das Ivano
Puste heisst, was soviel wie „Ohne Iwans“ bedeutet. Die waren in grauer
Vorzeit alle an einer Seuche gestorben und so entstand der Name. Auf
uns aber warten sie, die Ivans, der Senior, der polnisch sprachige und
der Sohnemann. Doch noch besser vorbereitet war Hala, Ivans Ehefrau und
im Normalleben Biologielehrerin, wie auch ihre Schwester.
Sie bereiteten uns ein fürstliches Mal aus lauter ukrainischen
Spezialitäten, während wir im Hof des kleinen Anwesens unser Camp
aufschlugen. Es verstand sich fast von selbst, dass wir bei soviel
erlebter
Gastfreundschaft nicht schon am nächsten Tag weiter reisten und so
stieg Ivan der Mittlere in unser Auto um uns die Umgebung seiner
Ukraine zu zeigen. Die Fahrt führte uns zuerst nur einige Felder
weiter, wo jeden Samstag auf einer grossen Freifläche Bazar gehalten
wird. Und was hier nicht alles angeboten wurde. Da gab es frische
Tomaten und Autoteile, Melonen und Herdplatten, Entenküken und
Schweinespeck, Fahrräder und Grabplatten, Ziegelsteine und Brennholz.
Wir füllten unsere Proviantkisten, jeder mit anderen Köstlichkeiten.
Danach landeten wir auf einer wunderschönen Burgruine, dann in einer
der grössten Höhlen der Ukraine und nicht zuletzt im Städtchen Kamienic
Podolski, das sogar von der UNESCO in das Weltkulturerbe aufgenommen
wurde. Hier war es auch, dass wir auf einem ehemaligen Minarett die
Figur einer Madonna sahen, ein Ergebnis des Friedensvertrages zwischen
Türken und Europäern, gegenseitig die religiösen Symbole zu achten.
Doch ein solcher Vertrag stammt aus einer Jahrhunderte entfernten
Vergangenheit. Ja und am Abend dieses ereignisreichen Tages hiess es
dann, wollen wir Schaschliks grillen und natürlich die von fleissigen
Händen geformten Piroggen essen.
Kein Entkommen, der Senior rief selbst in der Dunkelheit noch die Dorfjugend an, damit sie uns mit ihrem Ghettoblaster ukrainische Schlager vorspielen konnte. Doch die Frauen setzten dem ganzen die Krone auf und kleideten einige von uns in die uralten Trachten, die ukrainische Bräute noch heute tragen, wenn sie durchs Dorf gehen, um zur Hochzeitsfeier zu laden. Dieser Abend endete spät und trotz aller Sprachprobleme redeten alle ohn Unterlass, Völkerverständigung pur. Fast schwer fiel es allen, am nächsten Morgen weiter zu reisen und nicht den lieben Gott einen guten Mann und Odessa Odessa sein zu lassen nach soviel erlebter Gastfreundschaft. Aber wir kommen wieder, das zumindest haben wir uns in die Hand versprochen.
Nun ging es weiter die paar Kilometer zurück zu unserem Fluss, doch der Blick in das Land war nun ein anderer geworden. Eine solche Gastfreundschaft muss man ersteinmal erlebt haben und auch das Ziegenschaschlik, aus einem Ziegenböckchen, das noch niemals Gras gefressen hatte und das bereits Tage vorher für die Gäste mariniert und vorbereitet worden war, muss man erstmal genossen haben. dann verändert sich der Blick in das Land. Nun versteht man das Plumpsklo, die nicht vorhandene Müllentsorgung, die vielen vorher vernachlässigt aussehenden Häuser, die alten Autos, die schlechten Strassen. Wer kann sich schon bei einem Einkommen von 1500 Hrywna einen neuen Wagen leisten, wenn ein Liter Benzin mehr als 5 Hrywna kostet. Umso erstaunlicher die Leistung eines solchen Dorfes, das in gemeinsamer Arbeit sich selbst eine grosse Kirche gebaut hat. Jeder trug sein Schärflein bei, die einen durch harte Arbeit, andere durch Material, wieder andere durch Bekochen der Bauarbeiter. Heute steht sie und ist allen ein Zeichen der Gemeinsamkeit, aber auch des gemeinsamen Stolzes, das haben wir geschafft. Und natürlich auch ein wenig zu Ehren Gottes.
Der Dnjestr den wir nun wieder erreichen hat hier eine Breite von etwa 200 Metern, zu beiden Ufern von hoch aufragenden Kreidefelsen begrenzt. Direkt am Ufer treffen wir auf zahlreiche Camper, Ukrainische Familien, die hier ihre Ferien mit Zelt und Angel verbringen. Wildcampen ist nicht nur unsere Art des Übernachtens, sondern in einem Land fast ohne Campingplätze allgemein üblich, zumindest auf nicht privatem Grund.
Weiter ging es zumeist auf der Strasse, weil wir uns für heute noch den Grenzübertritt nach Moldavien, also in die Republik Moldau, vorgenommen hatten. Doch zuvor ist noch von einer kleinen Gruppe schreiender Babuschkas zu berichten, die mitten im Wald versuchten, uns davon abzuhalten durch den verschlammten Weg zu fahren. Erfolglos, wie die Bilder beweisen.
Moldawien - wo Wein und Pfirsich wachsen
Es war später Nachmittag geworden bis wir die Grenze ereicht hatten und etwa 2 Stunden später auch über die Grenze waren. Zu unserer Verwunderung mussten wir eine Eintrittskarte lösen, nein nicht beim moldawischen Zöllner, sondern am Bankschalter der eigens dafür in der Grenzabfertigung eingerichtet ist, also hochoffiziell, ist eine Art Ökosteuer zu bezahlen. Ihre Höhe entsprach in etwa 4 Euro und der Zettel, den man als Gegenleistung bekommt, ist das wichtigste Dokument, das bei jeder Polizeikontrolle vorzulegen ist. Das hat uns aber keiner gesagt, ich erfuhr es erst von einem hilfsbereiten Ukrainer, als wir zum zweiten Male aus Moldawien ausreisten. Nun waren wir also wieder in einem Land indem wir zwar alles lesen konnten, aber immer noch nichts verstanden. Vor einigen Jahren bereits hat das moldawische Parlament die kyrillische Schrift abgeschafft und ist zur lateinischen zurückgekehrt, na ja offiziell zumindest. Aber die Sprache, die haben sie dabei kaum verändert. Moldawisch ist eine Sprache, die dem Rumänischen zum Verwechseln ähnelt.
Doch das spielt heute Abend noch keine Rolle. Ersteinmal finden wir einen kleinen See und bauen unser Lager. Gut ausgeruht geht es am nächsten Morgen weiter. Bereits der erste Fuhrmann im ersten Dorf schwenkt nahtlos vom Moldawischen ins Russische über, als er unsere ratlosen Blicke sieht. Dabei hatte er nur gefragt, wo wir denn herkommen.
Wer noch nie in Moldawien war, und wir gehörten 2009 zu dieser Gruppe, dem sei gesagt, es ist das ärmste Land Europas. Ja es soll sogar Moldawier geben, die als Gastarbeiter in der Ukraine arbeiten. Der Liter Diesel ist etwas teurer als in der Ukraine, aber billiger als in Polen und ein Kilo Tomaten kostete 3 Lei, moldawische Lei, was hier die Landeswährung war. Eine Flasche guten, aber noch nicht teuren Wein bezahlten wir mit etwa 25 Lei. Eine Rentnerin, die wir in einem der Dörfer sprachen, war mit ihrer monatlichen Rente von 700 Lei, das einzige feste Einkommen der achtköpfigen Familie, die sich ansonsten von den Produkten ihrer kleinen Landwirtschaft ernährte.
Hatten wir am Anfang noch den Eindruck, die Strassen seien besser, als die in der Ukraine erlebten, änderte sich das bald. Offroad fahren ist besonders in den Dörfern kein Problem. Man fragt sich stattdessen, wie die Menschen bei Regenwetter zu ihren Häusern kommen sollen, so ausgefahren sind die Spurrillen der Pferdewagen, die durch das Dorf führen, sobald man von der Hauptstrasse abbiegt.
Da wir im Nordwesten des Landes eingereist waren, führte uns unser Weg zunächst durch eine fruchtbare Landschaft aus Obstbäumen und Sonnenblumen nach Osten. Dabei erlebten wir eine der ersten Eigentümlichkeiten dieses bunten, farbenfrohen Landes. Es scheint so, als habe fast jedes Haus seinen eigenen Brunnen und diese Brunnen in die Mitte des Zaunes gebaut. So können sie von den Bewohnern, aber auch von allen Reisenden problemlos erreicht werden. Ein gastfreundliches Land.
Soroca ist das erste Städtchen, das wir erreichen. Es liegt, wie soll es anders sein, am Dnjestr, der nun auf einer Länge von 400km die Ostgrenze der Republik Moldava bildet. In dieser doch sehr postsowjetisch anmutenden Stadt treffen wir wieder auf unseren Fluss, den Dnjestr, der hier nun in der Landessprache Nistru heißt.
Es ist Montag und so bleibt uns die in allen Reiseführern beschriebene Festung von Soroca verschlossen. Auch die Zigeunerstadt, die den höchsten Hügel Sorocas bebaut hat, zieht uns nicht an, obwohl die ersten der über 50 Villen schon imposant ausschauen. Hier leben die Barone dieses Volkes mit ihren Familien und Armut scheint es hier nicht zu geben. Ein Besuch bei der Bank, um ein wenig Geld zu tauschen ist erfolgreich. Auch der Versuch, in einem Fotoladen Akkus für die Filmkamera zu bekommen, gelingt. Zwar bedauert der Besitzer, der mit einigen englischen Worten für uns verständlich antwortet, so etwas nicht zu führen, als aber die Worte nicht ausreichen, um uns klar zu machen, wohin wir gehen müssen, geht er einfach vor und bringt Albert zur richtigen Tür.
Wir verlassen diese Stadt und fahren wieder aufs Land, hin zu einem unseren ersten Besuche in der neuen Religiosität des Landes, im Kloster Jabca, geführt von orthodoxen Nonnen, direkt am Dnjestr gelegen. Die Zufahrt ist gar nicht so einfach, liegt das Kloster doch sehr versteckt und ist nur über ausgefahrene und sehr verschlungene Wege zu erreichen. Aber wir können ja fragen, schließlich haben wir schon einige Worte Moldawisch gelernt und Kloster heißt Monastyr, Kaufladen Alimentarii und was braucht man mehr.
Welche Rolle die Kirche in diesen, erst seit zwanzig Jahren
wieder
unabhängigen Ländern spielt, hatten wir schon in der Ukraine erahnt.
Die von der Sowjetunion zerstörte Kultur der Kirche wird in gemeinsamen
Anstrengungen wieder aufgebaut. In Klöstern wie Jabca überdauerte,
trotz stalinistischer Verfolgung und kommunistischer Vernichtung ein
Teil der moldawischen Kunst und Kultur. Ihre Wiederherstellung und ihr
Wiederaufbau sind heute Teil der neuen moldawischen Identität. Diese
Identität wird an jeder Ecke betont, Moldawisch, eine rumänische
Sprache in lateinischer Schrift geschrieben, herrscht vor, in den
Kirchen regiert der moldawische Klerus, der sich vom Moskauer
Patriarchen losgesagt hat und nun dem rumänischen Patriarchen
untersteht. Eine bislang unbekannte Liberalität ist eingezogen, die
sich auch in der Öffnung für den Tourismus abzeichnet, ohne Kopftuch
und in Hosen, dürfen selbst Frauen die moldavischen orthodoxen Kirchen
betreten.
Auf der anderen Seite des Flusses, auf der Ostseite ist dies anders.
Dort liegt auch Moldawien, aber das sieht nur die eine Seite so. Dort
liegt Transnistrien, eine international nicht anerkannte, kyrillisch
schreibende, zumeist russischsprachige und von 1500 Putinsoldaten
bewachte Region, die sich selbst für unabhängig erklärte. Ein Relikt
stalinistischer Siedlungspolitik. Ein schmaler Streifen, den wir uns
sparten. Zu erschreckend die Panzersperren, die die Brücken bewachen
und zu
eindrucksvoll, das hoch über den Fluss gebaute stilliegende Förderband
einer im Osten liegenden Zementfabrik, die nun ohne den westlichen
Kalkstein auskommen muss.
„Uns geht das alles nichts an“, war die Antwort auf die Frage nach den Befindlichkeiten am Fluss. „Wir fahren hin und her, dort leben unsere Leute. Den Streit haben doch nur die in den Regierungen“ Und so wundert es uns auch nicht, dass wir die ganze Nacht, die wir am Fluss campen, Motorboote hören. Die Menschen, die wir trafen waren mehr als freundlich, Wenn immer wir nach dem Weg fragten, bildeten sich Diskussionstrauben und wenn es garnicht anders ging, fuhr man stolz ein Stück des Weges in einem alten Moskwitsch vorweg.
Felsenklöster und Bienenfresser
Der Nistru oder Dnjestr blieb unser Leitweg, auch wenn wir immer wieder einige seiner Mäander abkürzten. Er brachte uns auch zu einer weiteren Besonderheit der moldawischen Kultur, den Felsenhöhlen, oder besser gesagt Felsenklöstern. Ja man denkt an Griechenland, wenn man dieses Wort hört und genauso alt sind auch manche dieser Höhlen. Der weiche Kalkstein auf der hohen Uferseite diente den Menschen schon Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung als Zufluchtsort. Später dann haben Mönche diesen Stein genutzt, sich vor islamischen Invasoren zu schützen, oder als Einsiedler zu leben. In Rezina steht eine solche Klostersiedlung am Nistru unter dem Schutz der UNESCO.
Es war Anfang August und Zeit für die Getreideernte. Wie auch immer es zu verstehen ist, auf den Feldern fuhren Mähdrescher und LKWs transportierten das Getreide ab. Doch am Feldrand standen immer wieder PKW die mit leeren Säcken auf ihren Teil warteten. Auf den Dorfstrassen beobachteten wir mehr als ein Schwerlastfahrrad, voll gepackt mit Mehlsäcken. Überhaupt schien zu dieser Jahreszeit ganz Moldawien damit beschäftigt zu sein, die Ernte einzumachen. Am Straßenrand Stände mit köstlichen Melonen und Wassermelonen, noch fruchtigen Tomaten, frisch geernteten Auberginen, Paprika, Weintrauben und Einmachgläsern inallen Größen.
Nach all den Tagen der Reise durch die Provinz entschieden wir uns
der
Stadt einen Besuch abzustatten. Eigentlich gibt es in ganz Moldawien
nur eine Stadt und das ist die Hauptstadt Chisinau mit 700000
Einwohnern. Also fuhren wir hin, um einen Eindruck mitzunehmen. Während
wir uns unseren Weg durch den recht dichten Hauptstadtverkehr suchen,
wird links und rechts von uns gewunken und gehupt. So schmutzige Autos
fallen halt auf und werden gegrüßt. Ach so und welchen Eindruck hat die
Hauptstadt auf uns hinterlassen? Es war eine andere Welt. Eine Welt,
die nichts gemein hat mit den Dörfern, den Einmachgläsern, den
Pferdefuhrwerken und ausgefahrenen Wegen. Chisinau ist eine quirlige,
lebendige Stadt, die auch in jedem anderen Teil Europas liegen könnte.
Gleich neben dem Rathaus der Kunsthandwerk- und Kitschmarkt,
Straßenstände, ein Skytower und… Nur die Buchhandlungen waren aus
unersichtlichem Grund geschlossen, was unseren Plan, gute Karten zu
kaufen, vereitelte.
An diesem Tag haben wir unseren Fluss nicht wieder erreicht. Wir
suchten uns einen schönen Platz in einer alten Kiesgrube und lauschten
den Bienenfressern. Einer Vogelart, die wie die Mönche seit alters her
ihre Brutlöcher in die Böschungen graben und die, wie die Mönche in
Kolonien leben.
In Kürze folgen hier Reisenotizen aus späteren Jahren
Wein - das Elixier moldawischen Lebens
Moldavien ist, und das mag erstaunen, der weltweit neuntgrösste
Weinexporteur. Moldawische Weine kennt man zwar kaum im
Supermarktregal, aber seit der Mitte des Landes fahren wir immer
häufiger durch Weinfelder.
Wird fortgesetzt...
Besarabische Steppen, eine osmanische Festung und endlich der Strand
Zurück in die Ukraine geht es heute. Die Grenzkontrolle ist ein wenig aufwendiger als anderswo, denn den Grenzern scheint völlig unbekannt, daß ein Land wie Luxemburg in Europa existiert. Da aber stammen zwei unserer Teilnehmer her, ihre Pässe und ganz besonders die recht komplizierten Fahrzeugdokumente wollen partout nicht verstanden werden. Schliesslich greifen wir zum Schellatlas, um zu beweisen, wo und dass es ein solches Land wirklich gibt. Wird fortgesetzt...
Odessa - reiche Stadt am Schwarzen Meer
Einen Campingplatz in dieser Millionenstadt zu finden ist schier unmöglich. Was am Schwarzen Meer Camping heisst, das sind Baracken und Containersiedlungen in denen ukrainische Familien ein Zimmer mieten. Aber dennoch, an einer dieser ortsüblichen Campinganlagen steht uns nun ein Parkplatz direkt am Meer zur Verfügung und doch nicht allzuweit von der Altstadt entfernt. Hier lassen wir die Autos stehen und wollen mal eben mit dem Bus zur Treppe fahren. Dort wartet Nadja auf uns, unsere Stadtführerin, die uns Odessa nahebringen möchte. Wird fortgesetzt...
Donau, Prut und Moldawiens Westen
Wir müssen zurück und haben uns entschieden, ein wenig langsamer zu
reisen. Die westlichen Regionen Moldawiens hatten wir auf unserer Reise
ja garnicht berührt, Gaugasien zum Beispiel, oder das ukrainische
Donaudelte, oder den Prut, Grenzfluss zwischen Moldawien und Rumänien. Wird fortgesetzt...
Bilder vergangener Reisen
Die expedition besarabia 2010geschrieben am 27. August 2010 um 21:28 von 4x4eastward
Das erste Camp in der Ukraine am Ufer des noch kleinen FLusses Dnjestr, dem wir in den nächsten 2 Wochen folgen werden. Doch wo war nochmal die Quelle dieses Flusses? Auf dem Weg dorthin hatten wir einige Hindernisse zu überwinden…
und konnten einige gute Taten vollbringen: Hier halfen wir mit unseren Winden und Gurten den Schäfern eine Hütte zu versetzen,
und hier galt es einen Trecker aus dem noch jungen Dnjestr zu ziehen. Wieder eine Winchaktion, diesmal unter Anteilnahme der gesamten Dorfjugend.
Doch abends erreichten wir endlich die Alm vor der Quelle. Hier hat man einen wunderschönen Ausblick auf die Karpaten und das bei einem fast unglaublichen Licht.
Während am nächsten Morgen die Bevölkerung aus den nahe gelegenen
Dörfern in die Pilze und Beeren zog…

suchten wir auf einer kleinen Wanderung die Quelle des Dnjestr
Wir fanden sie, auch wenn uns in diesem Jahr kein Cowboy hinführte.
Grosse Wäsche hielten wir dann aber an einem anderen Fluss, der tief genug für alle war...
Die nächste Überraschung hielt das Wetter für uns bereit. Beim Verlassen der Karpaten erwischte uns ein schweres Gewitter. Da hätten wir doch garnicht erst baden brauchen…
Doch bald schon schien wieder die Sonne und blühende Landschaften umhüllten uns
4x4eastward
Offroad & Abenteuer
worauf sie und ihr Fahrzeug vorbereitet sein sollten...

4x4eastward steht für Offroad - Abenteuer in kleinsten Gruppen von nie mehr als 6 Teilnehmer- Fahrzeugen. Da lässt sich jede Tour ganz individuell gestalten, abgestimmt auf die teilnehmenden Fahrzeuge. Trotzdem bleibt die Frage, was ist schwer, was leicht zu fahren? Wir wissen es nicht, denn für jeden Fahrer in jedem Fahrzeug gilt, die Erfahrung und Routine des Fahrers sind fast wichtiger als Untersetzung, Sperre oder Winde. Um die Entscheidung für eine Reise oder Tour leichter zu machen, haben wir diese im Kalender in farbige Kategorien unterteilt. Wir hoffen, dass dadurch die Anforderungen an Fahrer und Fahrzeug von vorne herein deutlicher werden. Weiter lesen...




























